Die Geschichte hinter „Die Ballade von Lenore“
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Die Geschichte hinter „The Ballad of Lenora“ – dem Werk des französischen Malers Horace Vernet (1839), ist ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie die romantische Malerei des 19. Jahrhunderts sich mit der deutschen Schauerliteratur verband, um die Tragödie von Glaube, Liebe und Verblendung im Schatten des Todes zu erzählen.

Dieses Gemälde ist unmittelbar inspiriert von dem Gedicht „Lenore“ (1773) des deutschen Dichters Gottfried August Bürger – einem der bedeutendsten Werke der Bewegung Sturm und Drang und zugleich einer wichtigen Vorstufe der späteren romantischen und gotischen Literatur.

I. Die Geschichte des Gedichts „Lenore“ – wenn die Liebe die Grenze des Todes überschreitet
Der Inhalt des Gedichts lässt sich als düstere Ballade zusammenfassen, die folgende Elemente enthält:
- Krieg
- Verlust
- Erschütterten Glauben
- Die Erscheinung des Todes in der Gestalt eines Geliebten
✦ Handlungszusammenfassung:
Lenore ist ein junges Mädchen im vom Krieg heimgesuchten Deutschland (mögliche Anspielung auf den Siebenjährigen Krieg). Sie wartet vergeblich auf die Rückkehr ihres Geliebten Wilhelm von der Front.
Als sie hört, dass das Heer heimgekehrt ist – ohne Wilhelm –, bricht sie in Verzweiflung aus und begehrt gegen Gott auf, fragt:
„Wo ist Gottes Gerechtigkeit? Warum lässt er die Gerechten leiden?“
In der Nacht erscheint ein Reiter vor ihrer Tür, gibt sich als Wilhelm aus und sagt, er sei gekommen, sie eilig zur Hochzeit abzuholen – die Zeit dränge.
Lenore steigt ohne den geringsten Zweifel auf das Pferd. Sie jagen durch die schwarze Nacht, vorbei an geisterhaften Landschaften, an Friedhöfen, die schemenhaft auftauchen … Je weiter sie reiten, desto kälter, öder und unwirklicher wird die Szenerie.
Schließlich führt Wilhelm sie zu einem Kirchhof, wo er sagt, die Trauung werde stattfinden. Er verschwindet, und vor Lenore liegt ein frisch ausgehobenes Grab.

II. Horace Vernet und das Bild „The Ballad of Lenora“
Horace Vernet (1789–1863) ist zwar vor allem für Historien- und Schlachtengemälde bekannt, wendet sich hier jedoch einem romantisch-übernatürlichen Sujet zu und zeigt den dramatischsten Moment des Gedichts:
Lenore reitet mit dem Todesreiter durch die Nacht.
Das Gemälde evoziert:
- Ein Pferd im vollen Galopp unter einem von Blitzen zerrissenen Himmel,
- Wind, der Lenores Gewand aufpeitscht,
- Ein Gesicht, das zugleich erstarrt, verängstigt und traumverloren wirkt,
- Während der Reiter – eisig und unbeirrbar – starr nach vorn blickt, der Blick gefühllos; unter dem Gewand zeichnet sich bereits das Skelett ab.
✦ Einige symbolische Akzente:
- Pferd → Zeit oder Tod: unaufhaltsam, im vollen Lauf, sprengt alle Grenzen.
- Lenore → Der Mensch in Verzweiflung: orientierungslos, leicht von Trugbildern verführt.
- Wilhelm/der Reiter → Der Tod in der Gestalt des Geliebten, eine Umarmung aus dem Abgrund.
- Umgebung → Lenores Innenwelt: neblig, chaotisch, ohne klare Grenze zwischen Leben und Tod.

III. Symbolische und philosophische Bedeutung von Gedicht und Gemälde
Gedicht und Bild erzählen nicht nur eine Schauergeschichte, sondern stellen auch tiefgehende Fragen:
- ✦ Glaube: Wer das Liebste verliert, begehrt gegen das Göttliche auf.
- ✦ Liebe und Trugbild: Lenore erkennt nicht, dass der Tod die Maske der Liebe trägt.
- ✦ Liminaler Zustand (Bardo): Der nächtliche Ritt ist ein Übergang zwischen zwei Sphären – Leben und Tod, Bewusstes und Unbewusstes.
- ✦ Sanfte, aber unerbittliche Strafe: keine Schwerter, nur das Hineinfallen in die Hände des Schicksals – aus Mangel an Klarblick.


IV. Wirkungsgeschichte in der Kunst
Das Gedicht „Lenore“ wurde zum Modell für zahlreiche spätere Werke:
- Edgar Allan Poe stand stark unter seinem Einfluss, besonders in The Raven und Annabel Lee.
- Franz Schubert schrieb „Der Erlkönig“ – ebenfalls mit dem Motiv des nächtlichen Ritts, bei dem ein Kind dem Tod entrissen wird.
- In der englischen Gothic-Literatur tauchen Motive wie der geisterhafte Geliebte und die metaphysische Hochzeitsnacht immer wieder auf.
A superb "Erlkonig" arrangement for violin and cello [Schubert: Erlkönig] Violinist: Ai Takamatsu x Celloist: Eitosugai
Historischer Hintergrund
I. Warum entstand dieses Gedicht und weshalb erregte es Aufsehen?
Gottfried August Bürger schrieb Lenore im Jahr 1773, in einer Zeit:
- Nach den Folgen des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) – einem der ersten „globalen“ Kriege, der Tod und Verwüstung über ganz Europa brachte.
- In einer Phase, in der der Glaube an Kirche, Staat und die Vernunft der Aufklärung zu bröckeln begann – was den Weg für die Bewegung des Sturm und Drang ebnete, den Vorläufer der Romantik.
- Die Menschen lebten in Unsicherheit, Tod und Verlust – gebunden an moralische und religiöse Normen, die keine Trostkraft mehr besaßen.
In diesem Kontext erschien Lenore wie ein wilder Aufschrei in einer erstickten Gesellschaft:
Eine Frau, die es wagt, Gott anzuklagen.
Eine Frau, die durch Schmerz blind geworden ist und bereit ist, mit dem Tod zu reiten.
Eine Frau, die die Liebe der Vernunft vorzieht – und hinabgeführt wird ins Grab wie zu einer Geisterhochzeit.
Das Gedicht schockierte die damalige Welt – nicht nur wegen seiner übernatürlichen Elemente,
sondern weil es die Krise von Glauben, Geschlecht und Tod berührte.

II. Symbolische Bedeutung – Philosophische und psychologische Tiefenebenen
1. Lenore als Bild der zweifelnden Seele
Nachdem sie ihren Geliebten verliert, ohne Antwort zu finden, verflucht sie Gott – ein Akt, der als Gotteslästerung galt.
Doch in Wahrheit ist es die ehrlichste Stimme der Seele:
„Warum wird das Gute nicht beschützt?“
„Warum wird treues Warten verraten?“
Lenore steht hier für das verlorene Ich in einer unvollkommenen Welt,
in der Moral allein das Leid nicht mehr zu erklären vermag.
2. Der Reiter als Symbol des Todes – in der Maske der Liebe
Er klopft nicht an wie ein Dämon, sondern erscheint als Geliebter aus dem Krieg zurückgekehrt.
Sie folgt ihm freiwillig – das ist die subtile Verkleidung des Todes,
wenn er die Gestalt von Sehnsucht, Erinnerung und dem Wunsch nach Wiedervereinigung annimmt.
So sendet das Gedicht eine kraftvolle Botschaft:
Der Tod ist nicht immer furchteinflößend – furchterregender ist, wenn wir ihn nicht erkennen.
Wenn wir mit der Illusion reiten, in der Hoffnung auf Erlösung –
während wir uns in Wahrheit dem Abgrund nähern.

3. Der nächtliche Ritt = die Reise der Seele zwischen Leben und Tod
Diese Fahrt beschreibt den Übergang von Wachsein → Traum → Wahn → Tod,
eine fließende Bewegung ohne klare Grenzen.
Je tiefer sie in die Nacht reiten, desto geisterhafter wird die Landschaft –
bis am Ende der Friedhof steht, wo die Wahrheit enthüllt wird.
Das Motiv erinnert an den Bardo aus dem Tibetischen Totenbuch:
eine Seele, die in den Sog ungelöster Gefühle gerät – und die falsche Tür wählt.
III. Anwendung im Leben – Die Lehre von Lenore
✦ 1. Reite nicht mit einer Illusion
Im modernen Leben ist Lenore das Sinnbild jener,
die blind ihr ganzes Vertrauen in Liebe, Glauben oder Träume setzen,
ohne die Klarheit zu bewahren, zwischen Wirklichkeit und Täuschung zu unterscheiden.
Ob es sich um einen verlorenen Geliebten, eine tote Vergangenheit
oder ein verfallenes Ideal handelt –
wenn wir daran festhalten, kehrt es aus der Dunkelheit zurück,
um uns in die Irre zu führen.
✦ 2. Zorn gegen den Glauben ist der Beginn des Erwachens
Als Lenore Gott anklagt, ist sie nicht gottlos –
sie ist radikal aufrichtig.
Das ist eine Stufe spiritueller Entwicklung:
der heilige Zweifel, durch den Glaube nicht leerer Rahmen,
sondern bewährte Erkenntnis wird.
Wie bei Hiob in der Bibel oder den Einsiedlern der Mystik:
Erst nach dem Zweifel entsteht reifer Glaube.
✦ 3. Nicht der Tod ist furchtbar – sondern, ihn nicht zu bemerken
Lenore wird vom Reiter nicht gezwungen – sie geht selbst mit.
Die Lehre lautet: Viele Menschen sind innerlich längst tot,
merken es aber nicht –
weil sie mit der Vergangenheit, der Angst oder der Täuschung reiten.

IV. Ein symbolisches Schlussbild
Es gibt Nächte, in denen der Tod nicht mit der Sense kommt.
Er kommt mit den Worten: „Ich werde dich ewig lieben.“
Und sie, im Glauben an einen Traum, der nie endete,
setzt sich auf das Pferd …
… ohne zu wissen, dass sie dem Grab entgegenreitet.
Um Lenore nicht nur als romantisch-gotische Ballade zu verstehen,
sondern als lebendige Metapher für die menschliche Psyche,
werde ich Ihnen im nächsten Abschnitt drei reale oder nachweisbare Geschichten vorstellen –
jede ein zeitgenössisches Spiegelbild von „Lenore, die mit dem Tod reitet.“
I . Die Geschichte von Yukio Mishima – Der Reiter eines toten Ideals
Yukio Mishima, der berühmte japanische Schriftsteller und Aktivist, verherrlichte den Geist des Bushidō, die traditionelle Ästhetik und den Wunsch, „zur glorreichen Vergangenheit Japans“ zurückzukehren.
Mishima gründete eine eigene Miliz (die Tatenokai), die streng nach dem Samurai-Geist trainierte – mit dem Ideal, die heilige Rolle des Tennō wiederherzustellen.

Am 25. November 1970 bestieg er zum letzten Mal sein Pferd – nicht wörtlich, sondern durch Wort und Tat.
Er und seine Anhänger drangen in das Verteidigungsministerium ein, ergriff das Mikrofon und rief das Militär zu einem Putsch auf, um die „alte Ordnung“ wiederherzustellen. Doch niemand folgte ihm.
Daraufhin beging Mishima Seppuku (rituellen Selbstmord) – er starb für einen Traum, der nicht mehr existierte.
🕯 Wie Lenore folgte Mishima einem Trugbild – nicht einer Geliebten, sondern dem „reinen Geist Japans“,
der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs tot war.
Er ritt freiwillig mit dem Tod, im Namen der Liebe zur Vergangenheit,
doch verließ die Gegenwart, in der die Menschen längst weitergezogen waren.
II. Die Geschichte der Sekte Heaven’s Gate (1997)
Im Jahr 1997 erschütterte ein Ereignis die Welt: 39 Mitglieder der kalifornischen Sekte Heaven’s Gate begingen kollektiven Selbstmord,
in dem Glauben, ihre Seelen würden durch ein Raumschiff hinter dem Kometen Hale–Bopp „erlöst“ werden.
Der Sektenführer Marshall Applewhite predigte, dass „der Körper nur eine veraltete Hülle“ sei
– und dass man ihn verlassen müsse, um „in den Himmel aufzusteigen“.
Alle trugen gleiche Kleidung, legten sich ordentlich nebeneinander, tranken Gift und starben in scheinbarem Frieden.
🕯 Diese Gläubigen sind die Lenores der Moderne:
Sie wurden nicht gezwungen.
Sie wollten glauben – weil das wirkliche Leben zu grausam, einsam und sinnlos schien.
Und so bestiegen sie das Pferd, in der Hoffnung, „Wilhelm“ in Gestalt eines Raumschiffes wiederzusehen.
Das Tragische: Ihr Tod kam nicht aus Bosheit, sondern aus einer idealisierten Illusion.
III. Ein näheres Beispiel: Opfer toxischer Beziehungen
Viele Menschen – besonders Frauen – stecken in missbräuchlichen, manipulativen Beziehungen,
aus denen sie nicht entkommen können.
Sie glauben, es sei Schicksalsliebe,
dass sich der Partner irgendwann ändern werde, wenn sie nur genug ertragen.
Tragische Fälle wie:
- Eine Frau, die zehn Jahre lang geschlagen wird, aber bleibt, weil sie denkt: „Ich kann ohne ihn nicht leben.“
- Jugendliche, die Selbstmord begehen, weil sie verlassen wurden und glauben: „Ich sterbe, um meine Liebe zu beweisen.“
🕯 Auch das ist Lenore – wenn der Tod nicht mit der Sense kommt,
sondern mit den Worten „Ich komme zurück“, „Alles wird gut“.
Sie reiten mit dem Gespenst einer Liebe,
und führen sich selbst in das eigene seelische Grab,
wo Geist, Vertrauen und inneres Licht erlöschen.
🔍 Erkenntnis:
✦ Der Tod in der Ballade ist nicht immer physisch, sondern kann sein:
- Eine Idee der Vergangenheit, die wir nicht loslassen.
- Eine verfaulte Beziehung, an der wir festhalten.
- Ein Glaube, den wir nie hinterfragen, den wir aber Tag für Tag weiterreiten.
Unter der Linse der Psychoanalyse oder der modernen Psychologie
erscheint die Geschichte von Lenore nicht bloß als „gotisch“ oder „gespenstisch“,
sondern als ein klassisches Beispiel für die extremen seelischen Mechanismen,
die entstehen, wenn der Mensch mit Verlust, Trauma und erschüttertem Glauben konfrontiert wird.
Ich werde dies in drei Ebenen aufschlüsseln, damit Sie es klarer sehen können:
1. Psychoanalyse: Lenore als Fall von „Thanatos-Trieb“ + „Objektverlust“
Freud sprach von zwei Grundkräften: Eros (Lebens- und Bindungstrieb) und Thanatos (Todes- und Zerstörungstrieb).
Als Lenore ihren Geliebten verliert, verliert Eros seinen Ankerpunkt – und wandelt sich in die Hinwendung zum Tod um – eine Form unbewusster Selbstzerstörung.
Aus psychoanalytischer Sicht:
- Lenore erlebt eine fixierte Trauer um das verlorene Objekt → sie klammert sich an den Schatten, statt die Realität zu akzeptieren.
- Der Reiter erscheint als Übertragungsfigur (transference): der Tod nimmt die Gestalt des Geliebten an → die Grenze zwischen Realität und Illusion löst sich auf.
- Dies entspricht einem Zustand von komplizierter Trauer (complicated grief) oder pathologischer Trauerreaktion:
Die Betroffene kann den Verstorbenen nicht „internalisieren“, also innerlich bewahren,
und zieht sich stattdessen in die Dunkelheit zurück, um weiterhin „bei ihm zu sein“.
2. Moderne Psychologie: Bindungsstörung & selbstzerstörerisches Verhalten
Liest man Lenore mit der Sprache des DSM-5,
könnte man sie einordnen als:
- Anpassungsstörung durch Verlust (Adjustment Disorder) oder
- Prolonged Grief Disorder (anhaltende Trauerreaktion).
In schweren Fällen: kurze psychotische Episode (Brief Psychotic Disorder) durch extremen Stress → Halluzination: „der Reiter kommt mich holen“.
Phänomene wie Heaven’s Gate, Mishima oder toxische Beziehungen bewegen sich auf demselben Spektrum:
→ Vom Verlust des Glaubens – über den Verlust des Halts – zur Illusion von Erlösung – bis hin zu ritualisierter Selbstzerstörung.
3. Der Ausweg – Wie man „vom Pferd des Todes“ absteigt
✦ a. Erkennen
- Zuerst: den Verlust anerkennen,
nicht verdrängen, nicht „mit dem Geist reiten“, indem man ihn verklärt oder neu inszeniert. - Zorn auf Gott (wie bei Lenore) darf sein –
doch er soll ans Licht gebracht werden, nicht in der Dunkelheit gären.
✦ b. Praktiziere „mourn, not merge“ – trauern statt verschmelzen
- Freud nannte dies die Trauerarbeit:
den Verstorbenen nach innen nehmen, als lebendige Erinnerung,
statt ihn weiter draußen zu suchen. - Psychotherapie, Trauergruppen oder kognitive Verhaltenstherapie (CBT)
können helfen, Glaubenssätze neu zu strukturieren und
selbstschädigendes Verhalten zu verringern.
✦ c. Errichte einen „inneren Schutzkreis“ – seelische Abwehrtechnik
- Vergleichbar mit einem „Insektenschutz für die Seele“:
- Achtsamkeitsmeditation, Atemübungen, stabile Tagesrhythmen.
- Tagebuch führen, Briefe an sich selbst oder an den Verstorbenen schreiben (ohne sie abzuschicken).
- Ein Ritual des Abschieds gestalten, damit das Gehirn den Verlust als vollendet erkennt.
✦ d. Bei akuter Selbstgefährdung
- Unterstützungsnetz aktivieren: Freunde, Therapeuten, Notfallhotlines.
- Studien zeigen, dass die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT)
Menschen in Trauer hilft, neue Lebenswerte zu entdecken und
ihr Verhalten neu auszurichten.
4. Psychologische Quintessenz aus Lenore
- Trauer ist menschlich. Aber am Schatten festzuhalten führt zur Selbstauflösung.
- Zweifel und Wut auf den Glauben können der Anfang eines Erwachens sein –
sofern sie ans Licht gebracht und nicht verdrängt werden. - Man muss den inneren Schutzkreis stärken, bevor man wieder auf das Schlachtfeld des Lebens tritt –
wie in deinem Bild des Schwertkämpfers mit dem „Insektenschutzmittel“. - Und wenn der Reiter erscheint – in Gestalt einer Idee, eines Menschen oder einer Illusion –
halte inne und frage:
Ist das wirklich Wilhelm – oder der Tod in Verkleidung?
Lenore (1773) von Gottfried August Bürger ist somit nicht nur ein Meilenstein der Poesie,
sondern auch ein Schlüsseltext in der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins durch Kunst.
Dieses Gedicht war seiner Zeit um ein Jahrhundert voraus,
weil es die Halbdämmerzone des Bewusstseins ausleuchtete –
jene Sphäre, in der:
- Glaube nicht mehr absolut ist,
- der Tod nicht mehr das Ende bedeutet,
- und Liebe nicht mehr Erlösung, sondern eine Form der Besessenheit sein kann.
Die „Spuren Lenores“ finden sich in unzähligen Werken der Literatur, Musik, Malerei und Psychoanalyse wieder.
Ich werde diese Schichten der Nachwirkung im Folgenden als Wellen der Resonanz darstellen.
I. Literatur – Vom Vorromantischen zur modernen Gothic-Tradition
✦ 1. Das Gedicht „Lenore“ → Die Geburt der modernen „gespenstischen Ballade“
Vor Lenore wagte kaum ein europäischer Dichter, folgende Elemente miteinander zu verbinden:
- Irdischen Schmerz
- Jenseitige Welt
- Und eine religiös gefärbte Rebellion
Nach Lenore entstand eine ganze Welle mystisch-düsterer Balladen:
❖ In Großbritannien:
- Samuel Taylor Coleridge mit The Rime of the Ancient Mariner (1798):
Ein Seemann, der durch Frevel die Naturgeister erzürnt und verflucht wird. - Thomas Gray und Walter Scott verwendeten das Bild des „dunklen Reiters“ als dichterische Metapher.

❖ In den USA:
- Edgar Allan Poe war so besessen von Lenore,
dass er ein eigenes Gedicht Lenore (1843) schrieb
und das Motiv der toten Geliebten immer wieder in The Raven, Annabel Lee und Ligeia aufgriff.
🕯 Das tote Mädchen – doch die Seele bleibt:
im Traum, im nächtlichen Klopfen, im Rufen des Raben „Nevermore“ –
so lebt Lenore in Poes Werk fort.
II. Klassische Musik – Der Tod als metaphysische Reise
✦ 2. Franz Schubert – „Der Erlkönig“ (1815)
Das Lied basiert auf Goethes Gedicht, ist aber strukturell eng mit Lenore verwandt:
- nächtlicher Ritt,
- das vom Tod gerufene Kind,
- der Vater erkennt die Gefahr zu spät.
🎼 Dieses Werk prägte die deutsche Romantik tief:
Der Tod ist hier kein Ende, sondern ein musikalisches Vorspiel zu Begierde, Wahn und Schicksal.
✦ 3. Hector Berlioz – „Symphonie fantastique“ (1830)
Ein Komponist, betrogen in der Liebe, nimmt Opium und träumt,
er werde hingerichtet, während seine Geliebte unter Geistern tanzt.
🕯 Tod + Liebe + Wahn –
das ist die Psychologie eines männlichen Lenore.
III. Malerei – Das Sichtbarwerden des inneren Gespenstes
✦ 4. Horace Vernet – „The Ballad of Lenora“ (1839)
Das bereits erwähnte Gemälde zeigt jenen Moment,
in dem der Tod noch nicht erkannt, aber bereits gegenwärtig ist.
Nach Vernet greifen viele Maler das Motiv erneut auf:
- Der tote Liebhaber auf dem Pferd (etwa bei Delacroix und Fuseli)
- Junge Frauen, die von Illusionen ins Schattenreich gelockt werden –
als eine Art „neue Lenores“.

IV. Psychologie und Popkultur der Moderne
✦ 5. Freud & Jung – Das Unbewusste und die „Schattenfigur“
Freud erwähnte Lenore nie ausdrücklich,
doch seine Beschreibung des Objektverlusts spiegelt Lenores Zustand exakt wider.
Carl Jung sprach vom „Shadow Lover“ –
einem dunklen Geliebten, einer verzerrten Anima oder Animus-Figur,
die Menschen im Traum begegnet, sie verführt und dann
seelisch verwundet zurücklässt.
Lenore reitet mit einem toten Animus –
sie glaubt, es sei Liebe, doch in Wahrheit ist es ein unintegrierter Teil ihres Selbst.
✦ 6. Popkultur: Film – Spiel – Manga
Motivische Erben wie:
- „Heirat mit dem Tod“, „die geisterhafte Braut“, „der Ritt ins Jenseits“
tauchen überall auf:- Corpse Bride (Tim Burton) – die animierte Version von Lenore.
- Crimson Peak – eine Frau lebt mit dem Geist ihres toten Ehemanns.
- Bloodborne, Dark Souls – Spiele voller Lenore-Symbole:
tote Frauen im Traum, gefallene Ritter mit Laternen, verführerische Schatten.
🧭 Fazit: Warum Lenore der Ursprungspunkt ist
- Es ist das erste Werk, das drei Ebenen vereint:
→ Extreme Emotion (Sturm)
→ Metaphysische Handlung (Reiter – Tod – Geisterhochzeit)
→ Spirituelle Krise der Moderne (Erschütterung des Glaubens) - Damit erschafft Lenore ein neues psychologisches Symbol:
→ Der Tod kommt nicht mehr von außen,
sondern wir laden ihn selbst ins Haus ein,
mit dem vertrautesten Gesicht. - Deshalb lebt Lenore noch heute,
250 Jahre später –
in jedem Moment, in dem wir etwas Vergangenes lieben,
und jedes Mal,
wenn ein altes Ideal uns zurück zum Friedhof ruft,
das wir irrtümlich für einen Hochzeitsaltar halten.
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