SANDMAN - SILLAGE (DE)
PROLOGUE – SILLAGE

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Paris, eine Juninacht im Jahr 1949
Hôtel Le Meurice – ein Zimmer, das auf keinem Plan verzeichnet war.
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Der Juninachtwind war nicht kalt genug, um zu frösteln –
und doch öffnete niemand das Fenster,
denn der Raum war bereits angefüllt mit dem Duft von Sandelholz,
altem Armagnac
und einem faulen Saxophon,
das tröpfchenweise von der Etage darüber herabrann.
Sie trat ein,
als wäre sie schon einmal hier gewesen – in einem anderen Leben.
„Mademoiselle Aimée?“
Die Stimme des Rezeptionisten kam von hinten – doch sie drehte sich nicht um.
Sie nickte nur leicht,
als wäre nicht sie die Besucherin,
sondern er –
derjenige, der darauf wartete, geführt zu werden.
Im Raum stand nur ein roter Samtsessel,
ein lederbezogener Tisch,
und ein großer Spiegel –
der nichts reflektierte.
Und er war bereits da.
Er stand nicht auf.
Er sah sie nur an.
Als würde er den Moment des Bewegens wählen – nicht aus Höflichkeit, sondern wegen der Wirkung.
Die Zigarette in seiner Hand glühte träge.
Seine linke Hand – in einem weißen Handschuh – ruhte wie eine faule Katze auf der Sessellehne.
Nichts hätte sie sich kleiner fühlen lassen können
– außer der Tatsache,
dass er ihren echten Namen kannte.
Den Namen,
den nur ihre Mutter und ein ehemaliger Liebhaber jemals geflüstert hatten.
„Ich hörte, du singst nicht mehr.“
sagte er –
als hätte er zwanzig Jahre gewartet, nur um so zu beginnen.
Aimée antwortete nicht.
Sie hatte es nie jemandem erzählt:
dass ihre Stimme eines Nachts nach dem Fieber verschwand,
und sie begann, Träume zu träumen,
an die sie sich nie erinnern konnte –
doch morgens waren Tintenschlieren auf dem Laken,
Notenlinien,
die sie niemals geschrieben hatte.
„Ich will ein Lied hören,
das ich vergessen habe.“
sagte sie mit heiserer Stimme –
als wäre ihr Hals eine Narbe, die sich nie ganz geschlossen hatte.
Er nickte –
und drehte langsam den Sessel.
Auf dem Tisch lag kein Notenblatt.
Kein Instrument.
Nur ein kleines schwarzes Radio –
der Knopf war abgebrochen,
und es schien mit nichts verbunden.
Er legte einen Finger auf die Spitze der Antenne –
und das Radio begann zu spielen.
Eine Melodie-jenseits-aller-Notation,
die wie Rauch durch die Ritzen der Erinnerung sickerte.
Aimée begann zu weinen –
nicht weil sie sich erinnerte,
sondern weil sie zum ersten Mal wusste:
Sie hatte einst jemanden geliebt,
dem sie nie begegnet war.
„Ich habe dieses Stück geschrieben…
aber es nie gespielt.“
flüsterte sie.
Als sie den Kopf hob,
war er verschwunden.
Der Raum war wieder normal.
Kein Duft,
keine Musik,
und der Spiegel zeigte nun eine Frau,
die weinte –
ohne zu wissen, warum.
Auszug aus einer geheimen Akte, Französischer Nachrichtendienst, 1951:
„Die Sängerin Aimée Delacour gab an,
sie habe ‘einen Mann im Smoking gesehen,
mit trägen Augen,
der Musik aus einem nicht angeschlossenen Radio spielte.’
Es gibt keine Belege, dass Zimmer 213 je genutzt wurde.
Die später aufgezeichnete Melodie…
stimmt exakt mit einer Partitur überein,
die 1944 von einem ungarischen Komponisten im Konzentrationslager handschriftlich verfasst wurde –
niemals veröffentlicht.“
Wer war er?
Niemand weiß es.
Man erinnert sich nur an eines:
Wo immer er erschien,
blieb ein Hauch von Duft zurück –
wie ein Traum,
der noch auf dem Handgelenk verweilt
einer Schlafenden,
die zu früh erwacht ist.
The June night wind was not cold enough to shiver,
yet no one wanted to open the window when the room was already burning with the scent of sandalwood, old Armagnac, and the lazy drip of saxophone notes from upstairs.
She stepped in as though she had been here once — in another lifetime.
“Mademoiselle Aimée?”
The concierge’s voice rang from behind — but she did not turn.
She only gave the slightest nod, as though the guest himself had confirmed the identity of the guide.
Inside the room stood only a red velvet chair, a leather-covered table, and a large mirror — that reflected nothing.
And he was already there.
He did not rise. He only watched.
As though waiting for the exact moment to move — not out of courtesy, but for visual effect.
The cigarette smoldered.
His gloved left hand rested on the arm of the chair like a lazy cat.
Nothing made her feel smaller than the fact that he knew her real name — the name only her mother and an old lover had ever whispered.
“I hear you no longer sing.”
His voice — as if he had waited twenty years just to begin with that line.
Aimée said nothing.
She had never told anyone about the night when, after a fever, her voice disappeared —
how she began to dream dreams she could never remember, yet awoke to ink stains on the bedsheets, notes she had not written.
“I want to hear a piece of music I have forgotten.”
Her voice rasped, as if her throat were a wound not yet closed.
He nodded — and turned his chair slightly.
On the table, no score.
No instrument.
Only a small black radio, its dial broken, seemingly connected to nothing at all.
He placed his finger on the tip of the antenna —
and the radio began to sing.
A melody impossible to notate, flowing like smoke through the cracks of memory.
Aimée wept — not because she remembered,
but because for the first time she knew she had once loved someone she had never met.
“I wrote this… but never played it.”
she whispered.
When she looked up, he was gone.
The room returned to normal.
No scent, no song,
and the mirror now reflected only a woman crying —
without knowing why.
From the classified files, French Intelligence Office, 1951:
“The singer Aimée Delacour testified that she ‘met a man in a tuxedo, with languid eyes, who played music from a radio without wires.’
There is no evidence that Room 213 was ever in use.
The music recovered afterwards… matched exactly the handwritten score from 1944 by a Hungarian composer who had died in a concentration camp — never published.”
Who was he?
No one knows.
They only remember one thing:
wherever he appeared, there lingered a faint trail of scent — like a dream still clinging to the wrist of someone who had just fallen asleep.